Meditieren lernen im ELEMENT Ost – was 84 Tage Headspace nicht können

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Dienstags 5 Termine in 3 Wochen | Neustadt
16.06. 18:00 – 19:30 Uhr
23.06. 18:00 – 19:30 + 19:45 – 20:45 Uhr
30.06. 18:00 – 19:30 + 19:45 – 20:45 Uhr

Halb zwei nachts, der Kopf rattert. Wie beantworte ich den Reviewer 2? Welche Daten nehme ich noch dazu? Wenn ich im Herbst in Kapstadt bin, müsste vorher noch die Wien-Konferenz — wann ist die Deadline? Lukas, 28, Doktorand in Umweltwissenschaften, schläft so seit zweieinhalb Jahren. Headspace hat 84 Tage gehalten. Dann war Schluss.

Von außen funktioniert Lukas beeindruckend. Lastenrad, WG in Plagwitz, Hario-Brüher, gut publiziert für sein Stadium, im Klimagruppen-Umfeld vernetzt, schon zwei Forschungsaufenthalte hinter sich. Niemand würde ihn bemitleiden. Innen sieht das anders aus, aber er hat lange gebraucht, um es zu bemerken. Erst dachte er, der schlechte Schlaf gehöre zur heißen Phase. Aber die heiße Phase hört nicht auf — die Promotion hängt seit zweieinhalb Jahren, der Reviewer 2 wird durch andere Reviewer 2 ersetzt, der Konferenzkalender füllt sich immer von selbst nach. Eines Morgens sieht er sich im Badezimmerspiegel an: die Augenringe, der angespannte Kiefer, der fahrige Blick. Das ist nicht mehr eine Phase. Das bin jetzt ich.

Der erste Denkfehler: Meditieren heißt nichts denken

Wenn Menschen wie Lukas anfangen, über Meditation nachzudenken, stoßen sie auf eine Vorstellung, die so verbreitet ist wie falsch: Meditieren bedeutet, im Schneidersitz zu sitzen, den Kopf leerzumachen, nichts zu denken. Lukas wusste das eigentlich besser — er hatte die Forschung dazu gelesen. Aber zwischen Wissen und Tun lag ein Abgrund: Sobald er versuchte zu meditieren, stand sofort wieder dieser Anspruch im Raum, und sobald die ersten Gedanken kamen — und sie kamen sofort —, hatte er das Gefühl, es nicht zu können. Er gab auf, ohne es je probiert zu haben.

Catharina, die den Intensivkurs „Meditieren lernen“ im ELEMENT Ost gibt, beginnt ihre erste Stunde mit genau diesem Satz: „Meditieren ist nicht still sitzen und nichts denken. Das ist das größte Missverständnis, das über Meditation erzählt wird.“ Die Erleichterung im Raum ist spürbar. Es geht nicht darum, Gedanken zu vertreiben — das funktioniert sowieso nicht, wer es probiert hat, weiß das. Es geht darum, sie zu bemerken. Wahrzunehmen, was gerade da ist. Und dadurch eine kleine Pause zu schaffen zwischen dem, was reinkommt, und dem, womit man reflexhaft antwortet.

Catharina ist seit 2018 zertifizierte MBSR-Lehrerin (Mindfulness-Based Stress Reduction) — die wissenschaftlich am besten erforschte säkulare Achtsamkeitsmethode, von Jon Kabat-Zinn aus der buddhistischen Vipassana-Tradition entwickelt und in die moderne Stressforschung übersetzt. Sie hat zusätzlich das Mindful Teachers Program absolviert, ist in Ausbildung als somatische Yoga- und Bewegungspädagogin und Theaterpädagogin. Seit September 2025 unterstützt sie das ELEMENT-Ost-Team auch als Studiomanagerin. Ihre Haltung: Eine Achtsamkeitspraxis ist nicht Rückzug, sondern Verbindung — mit sich selbst und mit dem Umfeld.

Der zweite Denkfehler: Apps reichen

Lukas hatte alles probiert, was es gibt. Headspace 84 Tage, dann ein Konferenzflug nach Stockholm, einmal vergessen, nie wieder geöffnet. Waking Up gehört, weil Sam Harris seine Sprache spricht. Ein 10-Tage-Vipassana-Retreat — am vierten Tag abgereist, mit der Begründung, eine Datendeadline rufe. Beides war echt, und beides war eine Ausrede.

Seine Verweigerung gegen einen Präsenzkurs war ehrlich: Ich kenne mich. In Woche zwei finde ich einen Grund, warum ich Dienstagabend nicht kann. In Woche drei bin ich weg. Er misstraute nicht der Methode. Er misstraute seiner eigenen Sprunghaftigkeit — und hatte gute Gründe.

Was Lukas im Studio dann sofort versteht: Apps können vieles. Eines können sie nicht — eine Gruppe. Im Raum sitzen sieben andere Menschen, jede:r mit einer ähnlichen Geschichte. Eine Frau Anfang sechzig erzählt in der Pause, sie habe schon dreimal solche Kurse gemacht und komme trotzdem wieder, weil „man immer wieder bei null anfängt und das gut so ist“. Ein Mittdreißiger sagt ihm, er habe zehn Jahre versucht zu meditieren und sei zum ersten Mal in einem Präsenzkurs. Lukas merkt: Er ist nicht der Einzige, der das Muster kennt.

Dass am Dienstagabend Menschen auf einen warten, ist eine andere Verbindlichkeit als die Push-Benachrichtigung einer App. Eine App ist einsam. Sie kennt dich nicht. Sie merkt nicht, wenn du nicht da bist. Eine Gruppe schon. Und genau diese leise soziale Verbundenheit ist es, die durch jede App-Logik fällt — und die im Studio den eigentlichen Unterschied macht. Der Holzboden, der Lehm an den Wänden, der Duft von Chai aus der kleinen Küche tun ihr Übriges: Das ist nicht das Wohnzimmer, in dem du sonst die App aufgemacht hättest und in dem dieselbe Wohnung um dich herum dieselbe Wäsche, denselben unbeantworteten Brief, dieselbe Reizdichte trägt. Das ist eine andere Welt — körperlich nah, aber an der Tür hören die Regeln des Alltags auf.

Was tatsächlich passiert: Bemerken statt abschalten

In der zweiten Stunde, mitten in einer somatischen Übung, passiert etwas, mit dem Lukas nicht gerechnet hat. Catharina führt die Aufmerksamkeit langsam durch den Körper — ihr somatischer Zugang verbindet die Achtsamkeitspraxis konsequent mit dem Körper, statt sie als reine Kopfübung zu führen —, und an einer Stelle, irgendwo zwischen rechtem Schulterblatt und Kiefer, lockert sich etwas, das er gar nicht wusste, dass es hielt. Für vielleicht fünfzehn Sekunden hört das Rattern im Kopf auf. Nicht abgeschaltet, eher: es ist einfach nicht mehr da.

Das ist der Punkt, an dem die ganze Theorie körperlich wird. Eine Schulter, die abends nicht runterkommt, ist selten nur eine Schulter. Ein Kopf, der nachts rattert, ist selten nur ein Kopf. Der Körper ist das Innere in sichtbarer Form, und genau darüber bekommt Lukas zum ersten Mal Kontakt mit etwas, von dem er bisher nur gelesen hatte. Auf dem Lastenrad nach Hause, halb zehn abends durch die Eisenbahnstraße, plant er zum ersten Mal seit Wochen nicht parallel die nächste Mail. Er fährt einfach. Eine Nacht später schläft er sieben Stunden am Stück. Das ist seit Monaten nicht passiert.

Die eigentliche Pointe: Eine Praxis darf wiederkommen

Nach dem dritten und letzten Termin endet der Kurs. Lukas hat die Audio-Anleitungen auf dem Handy, hat einen Vorsatz — täglich fünfzehn Minuten. Erste Woche klappt. Zweite: drei von sieben Tagen. Dritte: einmal. Vierte: nichts. Genau das, was er befürchtet hatte.

Sechs Wochen später ist er drei Wochen in Kapstadt. Field Work, Jetlag, schlechter Schlaf. An einem dieser Abende, allein in einer Airbnb-Wohnung in Observatory, öffnet er die Audio-Anleitung von Catharina. Eine zwölfminütige Übung, geführt, somatisch. Er macht sie. Mehr nicht. Am nächsten Tag wieder. Am übernächsten nicht. Drei Tage später wieder. Es ist kein Comeback mit Fanfare.

Zurück in Leipzig schreibt er Catharina eine Mail: „Ich hab’s nicht regelmäßig hinbekommen. Aber ich bin wiedergekommen.“

Genau hier sitzt die Pointe, die eine App-Logik nie liefern kann. Bei Headspace war ein einziger versäumter Tag das Aus — einmal vergessen, also wozu noch. Hier ist es einfach das, was eben gerade ist: Pause, Rückkehr, Pause, Rückkehr. Lukas hat etwas verstanden, das er allein nie hätte verstehen können: Es geht nicht um Durchhalten. Es geht ums Wiederkommen.

Was er findet, ist keine Methode, die er besitzt — eine Fähigkeit, die geübt wird. Sie ist nicht erworben, sie verschwindet, wenn sie nicht trainiert wird, und sie kommt zurück, wenn man wiederkehrt. Genau das ist nicht der Konsum-Modus, der Yoga und Meditation oft prägt („buch das Retreat, sei transformiert“). Es ist eine Praxis, die im Alltag wirkt: Lukas merkt jetzt früher, wann das Rattern losgeht, und es gibt eine kurze Pause zwischen Reiz und Reaktion, die vorher nicht da war. Manchmal verfehlt er sie. Öfter trifft er sie. Der Schlaf ist besser geworden — nicht weil die Probleme weg wären (die Promotion hängt immer noch, Kapstadt zieht weiter an ihm), sondern weil er anders mit ihnen umgeht.

Das ist, was im ELEMENT Ost mit Meditation gemeint ist. Nicht Rückzug. Nicht Abschalten. Sondern: aus der eigenen Mitte heraus handeln können, statt nur auf das nächste Reagieren zu warten.

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